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100 Zürcher

"Im Rahmen der THEARENA 1976 wird im Saal Nr. 8 in der Roten Fabrik von Jürg Altherr und einer achtköpfigen Arbeitsgruppe das im folgenden beschriebene Environment aufgebaut:
Von 100 Zürchern werden Gipsabgüsse gemacht vom nackten Rücken und Gesäss. Die Abgüsse werden numeriert und in zwei Teilen an unter der Decke gespannten Drahtseilen nebeneinander gehängt. Die beiden Teile werden auseinandergespreizt und können um einen dazwischenmontierten Drehpunkt auf- und zugeklappt werden.
Die Abgüsse werden von Leuten jeden Alters und Geschlechts genommen. Während 10 Tagen werden je 10 Abgüsse gemacht. Die Arbeit wird durch einen Fotografen dokumentiert." So wird die Arbeit angekündigt. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe beginnen am ersten Tag damit, sich gegenseitig abzugiessen. Niemand weiss, ob sich nachher genügend Leute einfinden werden. Aber sie kommen. 
Nachts um 10 Uhr - so lange wird gearbeitet - sind jeweils genügend Anmeldungen eingegangen für den nächsten Tag. Das Engagement der Gruppenmitglieder ist sehr hoch. Die Arbeitsverteilung ergibt sich zwanglos aus dem Arbeitsablauf. Die Atmosphäre im Raum ist ruhig und äusserst konzentriert.
Der erste Schritt des Abguss-Vorganges besteht im Rasieren. Der Gips darf nicht mit dichter Körperbehaarung verkleben, darum wird diese überall, wo sie in Berührung mit Gips kommen könnte, abrasiert und die Haut anschliessend sorgfältig mit Vaseline eingerieben. Dann wird ein starker Zwirn derart dem Rückgrat und dem Beckenrand entlang gelegt, dass die noch weiche, aber nicht mehr flüssige Gipsmasse mit Hilfe des Fadens in drei Stücke geschnitten werden kann: die zwei Rückenhälften und das Gesäss. Der Kopf des bäuchlings Daliegenden wird mit Tüchern abgedeckt. Jetzt verteilt man den Gips über den Körper und lässt ihn etwa 20 Minuten liegen. Das Festwerden der durch den Abbindeprozess erwärmten, ungefähr 3-4 cm dicken Schicht wird mit grösster Aufmerksamkeit beobachtet und im richtigen Moment der schwarze Zwirn hindurchgezogen. - Für den Darunterliegenden eine Erlösung, denn die Spalte ermöglicht endlich wieder ein freies Atmen. Sobald nämlich die zirka 40 Kilos schwere Masse zu erstarren beginnt, bestimmt die Ausdehnung der zu diesem Zeitpunkt erfolgten Atemzüge den Umfang des sich bildenden Panzers. Das starre Gewicht muss so lange ertragen werden, bis sich der Schlitz vom Nacken bis zum Gesäss erstreckt. Beim genauen Hinsehen ist deutlich sichtbar, wie sich die Atembewegung auf die Schalen überträgt. Sie öffnen und schliessen sich rhythmisch. Dampf entweicht durch den entstandenen Freiraum.
Zwei Personen der Arbeitsgruppe begleiten das Krustenwesen während der Warteweile. Die eine hält die meist kalten Füsse und die andere sitzt neben dem Kopf. Gesprochen wird kaum. Eine Frau sagt nachher: Ich kam mir so vor wie ein Tier, das langsam vom Schnee zugedeckt wird. Eine andere Frau sagt: Ich kann meine Ausdehnung 
selber bestimmen!
Das Ablösen der Gipsteile geht manchmal ganz leicht, und dann freuen sich alle. Wenn sie kleben, kann es peinvolle Minuten geben. Mit Meissel und Hammer muss oft die Spalte noch vollständig eröffnet werden, dann nämlich, wenn der Faden zu früh hindurchgezogen wurde und der Gips über der Haut wieder zusammenfloss. Wenn 
Haare sich nicht lösen, schlüpft eine Hand mit der Rasierklinge unter die Schale und versucht, sie so behutsam wie möglich abzutrennen. Sobald die Gipsteile abgelöst sind, hüllt man den Abgegossenen in einen Bademantel. Zwei Personen aus der Arbeitsgruppe - meist ein Mann und eine Frau - begleiten ihn in die alte Fabrikgarderobe, wo sie ihn in einem grossen Zuber mit heissem Wasser baden und waschen und von Gipsteilchen und Vaseline befreien. Ein Mann stellt fest: Jetzt weiss ich, wie sich ein König fühlt. Ein anderer Mann sagt 
zu den beiden Frauen, die ihn waschen: Ihr seid bestimmt Mütter. Eine Frau sagt: Das ist wie geboren werden.
Unterdessen wird die Negativ-Form zusammengestellt und sicher unterlegt. Der Mensch, zu dem sie gehört, kann jetzt in das Innere seiner eigenen Rückseite hineinschauen und die porösen Rundungen mit Vaseline ausstreichen. Er bereitet sie damit vor für den Positivabguss.
Der ganze Ablauf von Anfang bis Ende dauert um die zwei Stunden.
Der letzte Arbeitsschritt vor Feierabend besteht darin, die zehn Positiv-Abgüsse des Tages aufzuhängen. Das Seil, an dem sämtliche Abgüsse hängen, bildet eine unendliche Schlaufe. Die ersten Abgüsse, die aufgehängt werden, ziehen das Seil nach unten, sodass sie am Boden liegen bleiben. Mit wachsender Anzahl nimmt der Zug 
auf das Seil zu. Es spannt sich mehr und mehr und hebt die Gipsteile höher und höher. Je mehr Abgüsse am Seil hängen, desto kleiner wird der Raum für die Abgusstätigkeit, die zum Schluss unter den hängenden, weissen Körpern stattfindet.


Die Aktion wird abgeschlossen mit einem grossen Fest, zu dem sich fast alle Abgegossenen einfinden.    

Thea Altherr, September 1993